Predigten

    Heidrun Moser
geschrieben von On 10. April 2011 In Predigten 0 Comment

Predigt vom 10. April 2011 zu Genesis 22,1-14

Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott, unserem Vater und von unserem Herrn, Jesus Christus. Amen

Text: Genesis 22,1-14

 

Liebe Gemeinde,

von der dunklen Seite Gottes erzählt dieser Predigttext. Er erzählt von Gott auf eine Art, wie wir ihn lieber gar nicht kennen lernen möchten. Er erzählt von einem Gott, der Menschen prüft und sie ins Feuer der Anfechtung schickt.

„Nach diesen Geschichten versuchte Gott Abraham!“ Und schon an dieser Stelle, beim allerersten Satz der Geschichte sind sich die großen Theologen uneins.

Der christliche Pfarrer Dietrich  Bonhoeffer schreibt: Gott versucht niemand! Der jüdische Theologe Rosenzweig ist entgegengesetzter Meinung und sagt: Gott kann den Menschen nicht nicht versuchen.

Und führe uns  nicht in Versuchung! So beten wir jeden Sonntag mit dem Vater unser. Jesus scheint sehr klar damit zu rechnen, dass Gott Menschen versucht und ihren Glauben unter Belastungsproben stellt.

Doch diese Geschichte von Abraham stellt alles in den Schatten, was die Bibel uns sonst erzählt. Sie jagt uns einen kalten Schauer über den Rücken, und alles in uns schreit : NEIN! NEIN! Das kann Gott doch nicht wollen! So kann Gott doch nicht sein! So kann Gott doch nicht sein, dass er von Abraham eine solche Bluttat verlangt. Ich mag mir das auch gar nicht einmal vorstellen, Hand an das eigene Kind zu legen. Es ist schon schlimm genug, wenn ein Kind ums Leben kommt, wenn es krank wird und sterben muss. Aber es selber töten sollen? Gewiss, auch das gibt es auf Erden, daß Eltern sich an ihren Kindern vergehen, sie quälen, missbrauchen und töten. Aber normalerweise tut das kein Vater und keine Mutter.

Abrahams Sohn, Isaak, ist ein ganz besonderes Kind. An ihm hängt Gottes ganze Verheißung, die er  Abraham gab: Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und du sollst ein Segen sein! Und Abraham hat seine Heimat dafür verlassen auf Gottes Wort hin, hat endlich diesen einen Sohn bekommen nach vielen Irrwegen , Zweifeln und Tiefen. Nur diesen einen Sohn hat Abraham, aus dem das versprochene Volk werden soll. Und den soll er nun quasi an Gott zurückgeben? Was hat Gott denn davon? Was will er damit erreichen? Will er einen Menschen in blanke Verzweiflung stürzen? Will er das? Kann er das wollen? Muss Gott das denn wissen, ob wir ihm alles, alles lassen könnten, woran wir hängen und was wir lieben. Muss er denn wissen, ob ER selbst uns das Wichtigste ist? Braucht Gott das? Ist das nicht schon mehr als ein Mensch jemals geben kann?

Will Gott tatsächlich, wie manche Ausleger meinen, den Glauben von Abraham auf die Probe stellen und ihn also fragen: Vertraust Du mir so sehr, dass Du mir den Garanten für die Verheißung auch zurückgeben kannst und trotzdem glaubst, dass ich es gut mit Dir mache?

Ich denke an Eltern, deren Kind todkrank ist oder tödlich verunglückt ist. Wie bringt unser Glaube an den liebenden Gott den Tod eines Kindes und die Liebe Gottes zusammen? Das mag schon bitterschwer fallen an vielen, vielen Trauertagen, und vielleicht nie ganz zu überwinden sein. Aber nun stehen wir mit der Geschichte von Abraham an einem Abgrund, dessen Tiefe wir gar nicht ausloten können. Wir haben Mühe mit dieser Geschichte. Und den Kindern erzählen wir sie erst gar nicht. Sie steht auf keinem Lehrplan und in keinem Vorbereitungsheft für den Kindergottesdienst.

In unserer Vorstellung ist Gott der liebe Gott, der uns auf Händen trägt, damit wir unseren Fuß ja nicht an einen Stein stoßen. Wir denken uns Gott als den Gott, der uns alle Zeit behütet und beschützt. Aber – ist das denn so im Leben, dass wir immer behütet und bewahrt bleiben? Manchmal erschrecke ich, wenn die Kinder in der Grundschule von Gott nur zu sagen wissen: Er beschützt uns. Ist das alles, was wir ihnen von Gott erzählen sollten?

Wer von uns wurde denn sein ganzes Leben lang vor allem Bösen und jedem Leid bewahrt? Das Leben hier auf Erden ist kein Paradies, ist kein Zuckerschlecken. Nein, hier wird nicht nur gelebt, hier wird auch krankgeworden, hier wird gelitten, hier wird gestorben, manchmal schnell und unerwartet, manchmal schön langsam und auf Raten und mit der Angst über Jahre, wann der Tod denn dann kommen wird und mit der Hoffnung immer wieder, dass vielleicht doch nicht, und dann kommt er halt doch, der Krebstod, der elendigliche. Und bis dahin der Gang durch die Hölle, immer wieder. Hier auf Erden wird uns oft auch unser Liebstes genommen, die Frau, der Mann, das Kind. Viele von uns können sich in den Abraham hineindenken. Viele wissen, wie das ist, wenn man Angst haben muss vor dem Verlust eines geliebten Menschen, wie es ist, sich auch nur vorstellen zu sollen, ohne ihn zu leben.

Hätte da der Abraham bei diesem grausamen Befehl Gottes nicht laut schreien sollen und sagen: NEIN! DAS MACHE ICH NICHT! NUR ÜBER MEINE LEICHE!

Ich frage mich allen Ernstes, was in Abraham abgelaufen sein mag, dass er solch eine Aufforderung Gottes gehört hat. Dass er die Worte so gehört hat, ist wohl unbestritten, sonst wären sie uns nicht überliefert.

Aber ich frage mich trotzdem:

War das wirklich Gottes Stimme, die Abraham da gehört hat? Und wenn es Gottes Stimme war, genauso wie es dasteht, wie leben wir mit dieser Stimme? Wie halten wir das aus? Wie bestehen wir unsere eigenen Versuchungen?

Sie sind ja auch nicht von Pappe!

Das Herz mag einem stehen bleiben beim Lesen der Abrahamsgeschichte, aber oft nicht weniger in unserer eigenen Wirklichkeit.

Da steht plötzlich die Polizei vor dem Haus, mitten in der Nacht und ein Sohn ist seit zwei Stunden mit dem Auto überfällig. Und da brauchen die schon gar nichts mehr zu sagen. Da bricht in einer Mutter schon die ganze Welt zusammen, denn sie weiß, was jetzt kommt. Ihr Sohn ist tot. Völlig unnötig tot, ums Leben gebracht auf der Straße. Unwiederbringlich verloren.

Aber Gott wollte das nicht. Niemals! Es hat dem Herrn unserem Gott gar nicht gefallen, Gustav.E. Lips aus diesem Leben abzuberufen, denn er war seiner Frau ein zärtlicher Ehemann, seinen Kindern ein guter Vater, seinen Eltern ein geliebter Sohn… so dichtet der Dichterpfarrer Kurt Marti. Nein, Gott war es nicht. Oder doch! Wer ist dafür verantwortlich? Das Leben selbst? Ein blindes Schicksal? Der Zufall? Wer? Einer, der keinen Gott glaubt, wird sagen: Pech gehabt. Das Leben ist eben kein Zuckerschlecken. Ein glaubender Mensch wird das mit seinem Gott ausmachen müssen. Und er wird klagen:

O, Gott, warum hast Du nicht auf ihn aufgepasst? Du hättest doch die Macht gehabt! Du hättest es verhindern können! Warum hast du es denn nur nicht getan!

Und da ist der Mann, der seine Frau verloren hat, einfach so, von jetzt auf nachher. Und das ganze Leben sieht plötzlich anders aus, abgebrochen, halb nur noch und alles zerfließt in Tränen und nichts ist mehr wie es vorher war. Und einer bekommt die Diagnose Krebs. Und in all diesen Fällen, die Menschen in den Ausnahmezustand versetzen, kann es sein, dass sie Gott nicht mehr hören können, dass Gott ihnen schweigt. Da ist kein Licht mehr. Da gibt es keinen Boden mehr. Da ist keine Hilfe. Der Glaube trägt dann oft nicht mehr. Und das Gebet scheint gegen taube Ohren zu rennen. Die Fragen quälen:

Gott macht uns nicht krank, oder? Er ist doch der liebe Gott. Woher die Krankheit? Versuche zu antworten bleiben kläglich: Das ist halt der Lauf der Welt. So spielt die Biologie. Ihr Immunsystem war im entscheidenden Moment nicht stark genug! Die Krebszelle ist ihm entwischt, der Tumor ist gewachsen. Der Tod rückt näher. Gott, wo bist Du jetzt? Kümmert es dich wenigstens? Hast Du Trost für mich? Oder sagst Du zu mir: Bring mir dein Liebstes, dein Leben zum Branddopfer dar in Chemotherapien und in der Bestrahlungskammer. Was denken wir Menschen uns aus, wenn wir im Ausnahmezustand sind?

Gott hat plötzlich ein uns fremdes Gesicht. Es ist, als würde er seiner eigenen Liebe widersprechen, uns fallen lassen und alles von uns nehmen, was uns jemals glücklich gemacht hat.

Ich möchte laut schreien und rufen. NEIN, SO IST GOTT NICHT! Nein, Gott ist nicht so, aber wir erleben ihn so. Das ist leider wahr und die Bibel erzählt uns da keinen Ausrutscher, wenn sie uns diese Geschichte von Abraham erzählt. Sie erzählt davon, dass einer in eine absolute Gottverlassenheit geraten kann, in der ihm das Leben so dunkel wird, dass er es lieber hergeben würde, als weiterzuleben. Menschen erleben Gott in ihrem Leben manchmal so dunkel und feindlich. Und es ist Gottes Gnade, wenn das Dunkel von unserer Seele wieder weggenommen wird.

Das eine meine ich gelernt zu haben in meinem Leben. Wenn mir die Umstände feindlich kommen, ist nicht Gott mein Feind. Jedoch: Seine Zuwendung wird angesichts einer maßlosen Überforderung des Lebens fraglich. Es können Tage kommen, da Gott für unser Gefühl uns eiskalt schweigt und wir mit uns und unserem Leid alleine dastehen. Auch für uns kann Gott in unserem Ausnahmezustand zur unkenntlichen Macht werden. Verlassener kann kein Mensch sein, als dann.

Ich schaue zurück auf Abraham auf dem Berg Morija. Er, der für Gott alles verlassen hat, er besteigt diesen Berg von Gott verlassen. Beinahe wäre dort alles zu Ende gewesen, ein ganzes Leben, Glauben, Lieben und Hoffen. Einzig die tief und fest gespeicherte Erfahrung, dass Gott ihm gut war, die lässt ihn glauben: Gott wird sich ein Schaf ersehen zum Brandopfer!

Im Augenblick glaubt er das selber nicht, aber ganz tief innen doch noch immer. Und so geschieht es. Gott ersieht sich den Widder, der im Gebüsch hängt. Isaak soll leben.

Aber gewiss war Abrahams Glaube nach diesem Berggipfel nicht mehr derselbe wie vorher. In den Grundfesten erschüttert, dem Boden näher, vorsichtig mit allen vollmundigen Aussagen, demütig: Ich glaube, hilf meinem Unglauben!

Abrahams Glaube ist aus den Kinderschuhen heraus. Ja, ebenbürtiger dem gewaltigen Gegenüber Gott. Ein Gegenüber, das Gott sich so wünscht? Durchs Feuer gegangen, geprüft und gewogen und als schwer genug befunden.

Und wir? Für uns hängt kein Widder im Gebüsch oder doch? Doch, da hängt er am Kreuz, der Christus. Für uns, damit wir wüssten: Nicht Du gehst Gott verloren und er nicht Dir! Christus gibt sich verloren, damit Deine Verlorenheit im Ernstfall geborgen ist in Gottes Händen. Da hängt er, der EINE, um dessen willen wir alle hier sitzen und an Gott festhalten und nicht sagen: Es gibt keinen Gott. Um dessen willen wir alles ertragen , und der uns durch alles trägt, selbst wenn wir es dann einmal auch nicht mehr spüren können. Gott ersieht sich ein Schaf, das unsere weglosen Dunkelheiten mit uns durchschreitet, das unsere Verzweiflung aushalten kann mit seiner Liebe und uns der Liebe Gottes gewiss macht. CHRISTUS hat die gnadenlose Gottesfinsternis für uns durchschritten. Wir müssen nicht alleine durch, auch wenn wir für unser Gefühl mutterseelenalleine durchgehen.

Abraham nennt diesen Gipfel später: Der Herr sieht!

Ja, Gott sieht uns auch dann an, wenn wir nichts mehr von ihm sehen. Unter seinen Augen geschieht alles, was geschieht. Manchmal wünschte ich mir dann, er gäbe mir ein Zeichen oder ein kleines Trostwort. Aber er zeigt mir immer nur das Kreuz. Das ist genug. Sieh und geh und tue, was nötig und geboten ist!

Du brauchst kein anderes Zeichen und kein anderes Wort.

 

AMEN

Gelesen 3960 mal Letzte Änderung am Samstag, 21 Juli 2012 18:28
  Heidrun Moser

Heidrun Moser ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Albbruck-Görwihl und evangelische Polizeiseelsorgerin für den Landkreis Waldshut.

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