Predigten

    Heidrun Moser
geschrieben von On 30. Oktober 2016 In Predigten 0 Comment

Predigt zu Markus 10,17-27 am Erntdedankfest 2016

Text: Markus 10,17-27

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte aus der Bibel macht nicht fröhlich. Im Gegenteil! Sie wühlt auf, macht unruhig und nachdenklich. Sofort vergleichen wir uns mit diesem jungen Mann. Niemand von uns muss Hunger leiden. Wir haben genug anzuziehen, wir haben ein Dach über dem Kopf. Es geht uns rein äußerlich nicht schlecht. Wir haben Grund genug, heute am Erntedankfest Gott zu danken.

Grund zu danken hätte der junge Mann damals wohl auch gehabt. Von ihm wird gesagt: er hatte großen Besitz und war reich. Aber dieser junge reiche Mann war nicht froh und glücklich. Geld und Besitz sind nicht dazu geeignet, einen Menschen bis ins Herz hinein glücklich zu machen und ihm einen Sinn in seinem Leben aufzuschließen. Und so ist es auch bei uns in den sogenannten reichen Ländern Europas: Wir stellen fest: Alles zu haben, was man zum Leben braucht, macht noch lange nicht glücklich! Es gibt dem Leben nicht den letzten Grund und Halt, der tragen kann. Und so kommt es wohl auch, dass gerade in Europa psychische Krankheiten stark zunehmen. Die sogenannten Wohlstandsgesellschaften lassen ihre Kinder emotional verhungern. Das Leben in der Leistungsgesellschaft lutscht die Menschen aus, so dass sie innerlich nicht selten dem leeren Verpackungsmüll gleichen, den wir achtlos wegwerfen, wenn der Inhalt konsumiert ist.

Viele werden kraftlos, freudlos und schleppen sich mühsam durch ihre Tage mitten im Wohlstand. Solch ein Leben hat sich Gott für uns aber nicht gedacht als er uns schuf. Er hat sich für uns das Leben so gedacht, dass wir den Sinn  erkennen und dass wir gerne leben und dass uns unser Leben so erfüllt, dass wir Gott loben wollen und auch können.

Der junge Mann in unserm Bibeltext fragt danach, wie er so ein erfülltes , tiefes Leben bekommen kann. Man nennt es auch das ewige Leben. Und Jesus sagt ihm: Du kennst die 10 Gebote. Halte sie! Das ist der Weg. „Ja“, sagt der Reiche. Ich hab sie doch alle gehalten, aber das Leben habe ich nicht gefunden dabei. Mir fehlt etwas und ich weiß nicht was. Ich sehne mich nach etwas und ich weiß nicht wonach eigentlich!

Kennt ihr das auch? Die ungestillte Sehnsucht nach etwas, was den Druck wegnimmt aus dem Herzen? Einer hat mal  gesagt: Es muss im Leben doch mehr als alles geben! Mehr als Essen und Trinken und eine Dusche und ein Bett und ein Dach über dem Kopf und eine Arbeitsstelle und ein wenig Freizeit und eine Familie. Es reicht nicht zum Leben! Nein, es reicht nicht!

Ja, was wollen wir denn noch? Was ist dieses MEHR  ALS ALLES?

Jesus schaut den jungen Mann an, nicht ohne Sympathie, und sieht wie ein guter Arzt, wo es in seinem Leben hakt!

Der Reichtum bindet sein ganzes Leben so sehr an Pflichten und Verpflichtungen, die er gar nicht tragen will, dass sie ihm sein Leben zerstören. Ja, eigentlich verschwendet dieser junge Mann sein richtiges Leben, das in ihm schlummert an eine Lebensaufgabe, die ihm vielleicht sein Vater übergeben hat und die er eigentlich gar nicht wollte.

Wie ist das denn bei mir? Lebe ich mein Leben oder eines, das andere mir vor die Füße gelegt haben? Ich konnte möglicherweise nicht anders oder es war vielleicht bequem und ich bin einfach Schritt für Schritt auf diese Bahn gegangen und habe mich nicht weiter gefragt, ob es gut ist. Und mit den Jahren hab ich dann gemerkt: Mein Leben ist das ja gar nicht!

Dann gingen die Jahre ins Land und ich habe mich dreingeschickt in all die Umstände und irgendwann dann ist mir die Freude am Leben abhanden gekommen  und die eigene Phantasie, nach der niemand gefragt hat. Das Leben ist verkümmert.

Merkt ihr, was in dem Wort steckt? Verkümmern kommt von Kummer. Der leise Kummer schleicht sich ins Leben ein, so eine Art Trauer, dass ich es nicht besser machen konnte und kann. Weiß ich denn noch, was ich eigentlich gerne aus meinem Leben machen wollte?

Immer wieder im Leben stehen wir alle vor dieser Frage! Was will ich eigentlich? Wie müsste mein Leben sein, damit ich wirklich leben würde? Wovon müsste ich mich frei machen?

Jesus sieht den jungen Mann an und weiß, was ihn am meisten am wirklichen Leben hindert. Sein Geld und Gut ist es, ausgerechnet das, wovon die meisten Menschen immer meinen, das wäre das Leben, das hindert den Mann am Leben!

Warum? Er hat viel Arbeit mit seinen Gütern. Sie machen dauernd Sorgen wie man sie erhält und sicher über die Runden bringt. Geld muss angelegt werden, möglichst ohne Fehler, sonst wird es weniger statt mehr. Und da sagt Jesus radikal:

„Geh hin, verkaufe alles, was du hast und gibs den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben und dann komm und folge mir nach!“

Das war dann doch zu viel für den jungen Mann. Traurig ging er weg. Solch einen gewaltigen Bruch wollte er nicht vollziehen. Dieser radikale Neuanfang war ihm zu schwer. Da blieb er in seiner Herzenskümmernis sitzen und ließ alles beim Alten. Ich erschrecke jedes Mal an dieser Stelle, wenn ich diesen Text lese. Wer kann das denn guten Mutes tun, denke ich, wie die Jünger. Und was bringt es, außer dass ich dann vielleicht  wirklich Sorgen habe, wo ich mein Auskommen hernehme! Und wir heute müssten dann ja auch ohne Jesus obdachlos sein. Die Jünger waren es wenigstens mit Jesus. Also darum kann es Jesus nicht gehen, dass wir alle ohne Dach und Brot wären. Das wäre ja irgendwie auch Dummheit. Nein, es geht Jesus bei diesem Mann wirklich darum, ihm zu sagen, wo er seinem eigenen Leben den Saft abdreht. Er muss runter von der Leitung, sonst kann die Lebensenergie nicht fließen. Die Geldsäcke sind zu schwer! Wisst ihr, wenn sich einer gar nicht mehr freuen kann an diesem Leben, an der Sonne und den Wolken und an allem, was wächst , was kreucht und fleucht, wer nicht mehr Freude haben kann an einem reifen Apfel auf dem Baum oder am Duft des Grases oder an einer frischen Kartoffel, der ist arm dran. Wer erntet und die Früchte nur noch als Material sieht, das Gewinn bringen muss oder halt da ist um uns satt zu machen, der bringt sich um die Güte des Schöpfers, der uns Speise gibt und die Farben der Blumen und den Duft des Waldes, damit wir uns freuen. Speise ohne Tischgebet ist nur halb so gut! Wisst ihr, was ich meine? Wenn ich dem Schöpfer dankbar sein kann für meine Nahrung dreimal am Tag, so ist das Lebensqualität, die etwas mit dem glücklichen Leben zu tun hat.

Manchmal im Leben stehen wir auch unserem eigenen Lebensfluss auf der Leitung, haben uns verrannt in Zwänge und Bindungen, wie der Junge reiche Mann. Gut, wenn es uns auffällt und wir wohlbehalten von der Leitung runterkommen, bevor das Leben verkümmert ist.

Manchmal  braucht es ganz radikale Trennungen von Dingen, von Bindungen, von altgewordenen Lebensentwürfen, das kann auch Trennung von Besitz sein. Ein Haus kann ein rechter Tyrann werden im Leben. Manchmal bindet es eine Familie viel zu stark. Das Leben aber darf nicht von einem Haus abhängen. Vielmehr muss das Haus und aller Besitz dem Leben dienen, nicht umgekehrt!

Jesus hat einen Traum vom gelingenden, geheilten Leben, nämlich dass Menschen nicht mehr abhängig von ihrem Besitz sind, seien es Häuser oder Geld oder Autos, oder von Menschen und Mächten sondern nur noch von Gott, ihrem Schöpfer und Erhalter und Vater. Darum sagt auch Paulus, Christen sollen Menschen sein, die haben, als hätten sie nicht. Genauso ist es richtig. Haben als hätten wir nicht, wissen, dass alles, was wir hier besitzen nur Leihgabe ist, denn es kann jeden Tag sein, dass wir gehen müssen. Dann lassen wir alles zurück: Menschen und Besitz. Das einzige, was uns dann bleibt, ist Gott, unser Herr, dem wir unser gelebtes Leben zurückbringen.

Was wird dann wichtig sein?

Gott wird mich vielleicht fragen: Hast Du dich an deinem Leben gefreut? Hast du gelebt, was in dir steckte? Bist du der Mensch gewesen, als den ich dich gedacht habe, als ich dich schuf? Hast du dein Leben und das, was ich dir anvertraut habe an Begabungen und Besitz mit andern genossen und geteilt? Bist du andern ein Mitmensch gewesen? Konntest Du lieben? Wann bist du glücklich gewesen? Wann warst du Du selbst? Jesus hätte dem reichen Jüngling auch sagen können: Werde du selbst! Die Jünger erschraken damals über die Radikalität, mit der Jesus das einfordert und wenn dazu gehören muss, all seinen Besitz zu verschenken. Jesus sagt sogar: „Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Reicher ins Reich Gottes.“ Und die Jünger rufen entgeistert aus: Wer kann denn dann überhaupt ins Reich Gottes und zum ewigen Leben kommen? Und Jesus antwortet: „ Kein Mensch kann es, aber bei Gott sind alle Dinge möglich!“

Schöpfergüte ist es, wenn einer von uns sein sinnerfülltes Leben findet, nichts als die Güte des Schöpfers. Ohne ihn, sind wir nichts, leben wir nicht, weder physisch noch psychisch. Aber genau da verkündigt uns Jesus sein Evangelium, seine gute Botschaft: Was wir alle uns selbst nicht geben können, dieses sinnvolle, erfüllte Leben, das schafft  Gott, der Schöpfer. Der Leben aus dem Tod schafft, sollte der uns nicht Leben schaffen können, dort, wo wir uns selber auf der Leitung stehen und festgefahren sind in allerlei Zwängen? Durch Gott ist sinnerfülltes Leben möglich, sind Neuanfänge möglich und ein ganz veränderter Lebenstil, auch im Umgang mit der Schöpfung Gottes. Sie ist ja nicht einfach nur Material, das zum Verbrauchen da ist, sondern Pflanzen und Tiere sind Geschöpfe Gottes. Wasser und Erde und Luft sind seine gute Gabe an alle seine Geschöpfe. Darum ist es unsere Aufgabe, erhaltend und bewahrend mit all dem umzugehen zu unserer eigenen Freude! Die Konfirmanden haben zum Zeichen dafür zu Beginn des Gottesdienstes den Müll von der Weltkugel genommen! So ist sie schön, nicht wahr? Gott will das Leben. ER öffnet uns das Leben durch Jesus Christus selber. Der ist das Brot des Lebens. Dem jungen Mann in unserem Text hat er Leben in engster Gemeinschaft mit sich angeboten. Der hat es zu dem Zeitpunkt noch nicht erkannt. Brot des Lebens will uns Jesus sein mit seinem Wort und mit seinem Abendmahl. Mit ihm können wir immer wieder aufbrechen ins Leben, wenn Neuanfänge nötig sind. Er ist der Mut und die Kraft zum Neubeginn, die Wegzehrung in unserem Lebensrucksack. Er ist das Brot, das nicht ausgeht. Er sorgt für seine Leute. Wer dieses Brot mit sich trägt, hat das Leben.

Amen

Gelesen 3244 mal Letzte Änderung am Sonntag, 30 Oktober 2016 12:40
  Heidrun Moser

Heidrun Moser ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Albbruck-Görwihl.

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