Predigten

    Heidrun Moser
geschrieben von On 30. November 2019 In Predigten 0 Comment

Predigt am Totensonntag 2019 zu Johannes 11, 25+26

Liebe Gemeinde,


heute denken wir an 21 Menschen, die aus unserer Gemeinde verstorben sind. Viele der Angehörigen sind heute hier unter uns. Wir nehmen sie in unsere Mitte und erinnern uns mit ihnen. Und wir beten mit ihnen. Wir tragen allen Kummer vor Gottes Angesicht. Heute spüren wir empfindlicher als sonst die Trauer um geliebte Verstorbene. Gedenktage sind schwierige Tage. Vielleicht hat es sogar Überwindung gekostet, der Einladung zu diesem Gottesdienst zu folgen. Die Verstorbenen sind heute gegenwärtig in unseren Gedanken und Gefühlen. Wir wollen ihre Namen ausgesprochen hören und dabei empfinden, dass auch Gott sie beim Namen kennt und rufen wird und sie nicht im Nichts verschwinden, sondern dass sie leben werden in Gottes Ewigkeit.

Ewigkeitssonntag nennen wir diesen letzten Sonntag des Kirchenjahres und wir sagen damit: Diese Weltzeit, in der wir in Fleisch und Blut leben, ist nicht alles. Es gibt die andere Welt, Gottes Welt, die keine Uhr mehr kennt und auch kein Fleisch und Blut, keinen Kummer und keine Schmerzen. In diesem Leib können wir die Grenze zur anderen Welt nicht überschreiten. Und also ist uns versagt, was das Leben mit den Verstorbenen so schön gemacht hat, einander in den Arm nehmen, sich berühren, miteinander sprechen und an einem Tisch sitzen, gemeinsam essen. Das alles ist nicht mehr möglich. Am Anfang, nach einem Sterben, träumen manche Trauernde noch von dem Verstorbenen. Manchmal sehen sie ihn auch an ihrem Bett stehen, manchmal haben sie das Gefühl, er oder sie sei im Raum. Und doch gibt es keine Erfüllung der Sehnsucht mehr, vielmehr tut der Verlust richtig weh. Abschied von lieben Menschen ist nahezu unerträglich und versetzt Trauernde in einen Ausnahmezustand. Die Seele wird dünnhäutig. Früher durfte man schwarz tragen und dergestalt um Schonung bei den Mitmenschen bitten. Heute ist dieser Brauch fast ausgestorben. Man will nicht mehr zeigen, dass man in Trauer ist und man verlangt von sich selbst, dass man funktioniert wie alle andern auch. Und trotzdem ist Trauerzeit Ausnahmezeit, ist schwere Zeit, in der die Seele lernen muss, mit einem leeren Platz zurechtzukommen.
Lasst uns heute hören, welche Hoffnung wir Christen zu Recht haben! Das Johannesevangelium hat sich viele Gedanken um die Auferstehung Jesu und das Leben nach dem Tod gemacht. Ums Jahr 100 nach Christus wurde es geschrieben und schon fünf Christengenerationen hatten bis dahin darüber nachgedacht, was ihnen der Auferstandene bedeutete. Sie erzählten von Maria Magdalena am offenen Grab von Jesus, wie sie Jesus zuerst für den Gärtner hielt und ihn dann daran erkannte, wie er ihren Namen aussprach. An seiner Stimme erkannte sie den Auferstandenen, nicht an seiner äußerlichen Erscheinung! Und als sie ihn dann anfassen wollte, da verwehrte er ihr das. Das geht nicht! Fast fleht Jesus sie an, auf die Berührung zu verzichten: Wolle mich nicht berühren! – das steht da wörtlich im Griechischen. Er sagt nicht warum sie es lassen soll.


Ich denke mir das so: Zwischen Verstorbenen und Lebenden gibt es keine leibliche Gemeinschaft mehr. Und diese Welt und die andere Welt können nicht zusammenleben. Die Toten sind nicht mehr von dieser Welt. Wir können sie nicht festhalten und wir sollen es um unserer selbst willen auch nicht tun. Denn sie können nicht bei uns bleiben. Und wir machen uns damit nur das Herz zu schwer und können dann selbst nicht weiterleben. „Wolle mich nicht berühren!“ Das ist ein guter Rat für Trauernde. Vielmehr lass mich ziehen!

Maria hat Jesus nicht angefasst. Aber sie lief und sagte es seinen Jüngern: ER lebt! Er ist auferstanden!
Was hilft das uns, liebe Gemeinde, wenn wir wissen, dass Jesus auferstanden ist? Was heißt denn das?
Das bedeutet: Jesus ist für uns durch seine Auferstehung so real und gegenwärtig wie jemand aus unserem Freundeskreis. Wir können ihm zwar nicht die Hand schütteln und ihn nicht in den Arm nehmen, aber wir wissen, dass er gegenwärtig und lebendig und immer bei uns ist. Jesus ist sozusagen ein Grenzgänger zwischen den Welten, extra für uns. Durch seinen Heiligen Geist ist er bei uns gegenwärtig, wenn wir sein Mahl feiern und sein Wort hören oder zu ihm beten.
Unsere Verstorbenen sind keine solchen Grenzgänger zwischen der himmlischen und der irdischen Welt. Mit ihnen können wir nicht reden, auch nicht so, wie wir mit Jesus reden im Gebet. ABER: Dass Jesus lebt und ansprechbar ist und erfahrbar für Menschen, die beten, das schenkt uns die gewisse Hoffnung, dass Gott auch für uns ein Leben nach dem Tod bereithält. Auferstehung nennen wir Christen das. Der Apostel Paulus geht davon aus, dass sie zu einem von Gott selbst festgelegten Zeitpunkt stattfinden wird am Ende der Zeiten. Und er schreibt uns im Thessalonicherbrief: Da werden die noch Lebenden verwandelt und einen neuen Leib bekommen, der nicht aus Fleisch und Blut ist und die Toten werden auferweckt mit diesem neuen Leib. Alle gemeinsam werden dann Jesus entgegengehen, der mit den Wolken des Himmels kommen wird.
Uns ist bewusst, dass es Bilder sind, mit denen Paulus das Unsagbare sagen will. Wie könnte man denn sonst über das reden, was nach dem Tod kommt? Niemand ist je von dort zurückgekommen. Paulus aber hält mit diesen Bildern die Gewissheit fest: Gott vergisst keinen Menschen, keinen von den Verstorbenen und keinen von den Lebenden. An jenem Tag ruft er sie alle beim Namen. Und die zweite Gewissheit, die für Paulus wichtig ist: Wir werden beim Herrn sein für alle Zeit. Dorthin wird uns Gott bringen.


Kehren wir zurück ins Johannesevangelium. Dort wird erzählt wie ein guter Freund von Jesus verstarb, weil Jesus nicht rechtzeitig anreiste, um ihn gesund zu machen. Lazarus liegt bereits 4 Tage im Grab, als Jesus endlich in Bethanien ankommt. Die beiden Schwestern des Verstorbenen sind in tiefer Trauer und machen Jesus Vorwürfe. Wärst du da gewesen, er wäre noch am Leben!
Ja, wenn Gott unsere Gebete immer erhören würde, dann müsste mancher Mensch noch am Leben sein! Wie viele Menschen schreien zum ihm um Heilung und Leben und es kommt doch der Tod! Dann sagen viele Leute: An der Sache mit Gott ist rein gar nichts dran. Gott hört uns nicht und wir sind ihm gleichgültig.


Nein, gleichgültig sind wir ihm nicht. Aber unser Leben ist endliches und begrenztes Leben. Das können wir so schlecht akzeptieren. Wer kann das schon. Wir wollen die behalten, die wir lieben. Aber eines Tages müssen wir sie loslassen oder sie uns. Das ist so in diesem Leben und damit muss jeder Mensch zu leben lernen. Das ist unglaublich harte Schule. Warum wir die haben müssen, weiß Gott allein!
Jesus wärst du dagewesen, mein Bruder wäre noch am Leben! so klagt Marta und schreit ihren Schmerz hinaus.
Und da sagt Jesus zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben! Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer lebt und an mich glaubt, wird niemals sterben.11,25
Jesus ist das Leben! Das Leben selbst. Wie darf ich das verstehen? Er hätte auch sagen können: Ich schaffe euch das Leben, das sich zu leben lohnt. Wenn ihr an mich glaubt, dann lebt ihr wirklich. Dann habt ihr Liebe im Herzen und Frieden und Freude und eine gewisse Hoffnung, dass ich euch halte und durch allen Jammer durchtrage, dass ich euch niemals fallen lasse, sondern ans Ziel bringe ins Leben bei Gott. Das ist am Ende dann Auferstehung ins Leben bei Gott! Aller Jammer wird abgestreift wie ein altes Kleid, das nicht mehr passt, alles Leid ist einfach nicht mehr. Festkleider werden uns angetan. Jetzt rede ich auch schon in Bildern wie Paulus! Und wir gehen Christus entgegen, dem wir hier schon vertraut haben, auf dessen Weg wir zu gehen versuchten, dessen Liebe wir weitergegeben haben, so gut wir es vermochten und am allerwichtigsten, der für uns sein Leben gelassen hat, um unser Böses unschädlich zu machen. So dürfen wir am Ende rein vor Gott stehen.
Ich bin die Auferstehung und das Leben, sagt Jesus. Wer an mich glaubt wird leben, auch wenn er stirbt!


So denken wir das logisch. Wer das glaubt, dass Jesus für ihn gestorben und auferstanden ist, der wird mit ihm leben. Und  Jesus sagt auch: wer lebt und an mich glaubt, der wird niemals sterben!
Moment mal Jesus, wie meinst Du das? Christen sind doch nicht unsterblich. Alle Menschen müssen sterben, jeder, der geboren wird. Wie darf ich dich da verstehen?
Wer einmal anfängt, an Jesus zu glauben und ihm zu vertrauen, der hat eine feste Beziehung zu ihm. Der gehört sozusagen in Gottes Haushalt. Und wenn solch ein Mensch stirbt, dann gehört er trotzdem noch zu Gottes Haushalt und Jesus hält die Beziehung zu ihm auch im Tode aufrecht. Der Verstorbene ist Jesus auf den Rücken gebunden oder er ist unter seinem Mantel, sucht euch euer Bild aus, aber Christus lässt ihn nicht los, niemals. Deshalb lebt dieser Verstorbene für Christus und ist für ihn nicht tot, sondern hat ein Dasein in der Gegenwart Gottes.
Der Glaube gehört zu diesem Leben in Gott und aus Gott. Jesus hat Marta damals gefragt: Glaubst du das? Glaubst du, dass ich das Leben bin und glaubst du, dass die leben werden, die an mich glauben? Und Marta hat ihm geantwortet: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist der Sohn Gottes der in die Welt gekommen ist.
Ja, ich glaube!


Manchmal wird unser Glaube ganz schwach und mager, wenn wir dem Tod begegnen müssen. Marta kann es noch sagen: Ja, ich glaube! Ich glaube an das Leben, auch wenn ich den Tod vor mir sehe. Ich glaube an den Morgen, mitten in der Nacht! Ich will an das Lied der Amsel glauben, auch wenn es noch ganz stockfinster ist. Manchmal ist es gut, wenn wir dazu die Gemeinde haben. Andere können uns im Glauben stärken, unsere Zuversicht nähren und uns wohltun mit ihrem Glauben. Dass wir das nötig haben, ist keine Schande, sondern der Dienst, den Christen in der Gemeine einander tun dürfen: Einander stärken und trösten.
Jesus ist damals in Bethanien ans Grab von Lazarus getreten und hat ihn aus dem Tod herausgeholt. Das passiert bei uns nicht, wenn jemand einmal tot im Grab liegt. Das ist sicher. Aber das passiert auch bei uns, dass Jesus Trauernde aus dem Tod bei lebendigem Leib herausholt, wenn jemand nicht mehr auftauchen kann aus seiner Trauer und das Leben verflucht und selbst nicht mehr sein will. Dann kann es sein, dass ein Wort von Jesus gesprochen im Gebet, gesungen im Lied, ein Wort von Mensch zu Mensch solch ein schwer gewordenes Herz plötzlich ganz leicht macht und hell und dass ganz zart wieder die Freude keimt und das Leben neue Knospen bekommt. Und das wünschen wir heute allen, die Leid tragen um ihre Toten.

AMEN

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  Heidrun Moser

Heidrun Moser ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Albbruck-Görwihl.

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