Predigten

    Heidrun Moser
geschrieben von On 29. März 2013 In Predigten 0 Comment

Predigt an Karfreitag, 29.03.2013, zu Matthäus 27,31-54

Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott, unserem Vater und von unserem Herrn, Jesus Christus! AMEN

 

Matthäus 27,31-54

 

Liebe Gemeinde,

 

ein Mensch auf seinem Weg in den Tod!

Jesus auf seinem Weg in den Tod.

Und es scheint so, als sähe Gott weg,

als hörte er weg,

als ginge ihn das gar nichts an!

Sachlich und sehr nüchtern erzählt Matthäus von dem immer wieder unsäglichen Geschehen, dass da ein Mensch zu Tode gebracht wird,

dass ein Leben nichts wert ist,

dass einer entehrt wird und nackt davon muss, den Rücken zerfetzt, angespuckt und entehrt,

dass kein Mitleid vorhanden ist,

dass einer nur Material ist, unliebsames, das vernichtet wird. Wer jeden Tag die Nachrichten verfolgt, oder sich in der Geschichte umsieht, der kann diese Geschichte tausend und abertausendmal wiederfinden.

 

Der Mensch vom Menschen zertreten, gequält, gefoltert, erschlagen, erschossen, vergewaltigt, ausgelöscht. Und jeder davon ist eine kleine Welt gewesen mit seinen Sorgen und Ängsten und Freuden. Man kann all das einfach auslöschen ohne Gnade.

Die Geschichte Jesu ist auch die Geschichte des Menschen, der auf Gott vertraut und gerade deshalb auf der Strecke bleibt – zunächst!

Ein leidender Gerechter? Und wozu so viel Elend?

Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?

Was sollen wir heute Morgen hören?

Was wollen wir hören?

Was will Matthäus uns berichten?

Was erzählt die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu über Gott?

Wir sind es gewohnt, den Tod Jesu zu deuten. Wir sagen: Er ist für unsere Sünde gestorben, als unser Opferlamm, als ein Sühnopfer für unsere Sünden. So formuliert es der Evangelist Markus:

„Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.“ (Mk 10,45)

Und Paulus schreibt im Römerbrief:

„Um unsrer Sünde willen hat Gott ihn dahingegeben und um unserer Rechtfertigung willen auferweckt!“ (Röm 4,25)

Wir sagen auch: Er ist gestorben, damit Gott ins Leiden kommen konnte und wir dort nicht alleine sind.

Und der Evangelist Johannes sagt: "Jesus ist gestorben, um zu Gott erhöht zu werden als auferstandener Christus."

Und was sagt Matthäus? Er kommentiert gar nichts. Er erzählt ganz schlicht, was er gesehen und gehört hat. Die Erzählung ist so karg, dass man sich schon fast wieder Dinge dazu denkt, sie fertig denken muss. Und sie ist vielleicht so karg, weil es so unsäglich ist, was da zu berichten ist. Das Entsetzliche will gar nicht in allen Details beschrieben werden. Dafür ist es zu grausam. Es ist wie im Film, wenn die Scham es gebietet, auszublenden, was für die Seele nicht erträglich ist.

Ich kann über den Bericht vom Leiden und Sterben Jesu nicht predigen. Ich muss ihn, wie die Evangelisten erzählen.

Da kommen sie, die Soldaten mit dem, den sie jetzt hinrichten sollen, mit Jesus aus Nazareth. Der Hügel Golgota, er hat schon die Form eines Totenschädels. Das passt gut zu dem, was hier geschieht, immer wieder. Den Querbalken seines Kreuzes konnte Jesus nicht mehr tragen. Die Folter hat ihm schon alle Kraft genommen. Ein anderer hat sich unter diese Last beugen müssen. Simon von Kyrene. Man hat ihn gezwungen. Er legt den Balken  nun ab. Die Soldaten bieten Jesus mit Galle vermischten Wein an. Nicht einmal einen Schluck Wasser ist er mehr wert. Selbst noch der Trank soll ihn verhöhnen! Jesus merkt, was sie ihm anbieten und lehnt  ab. Dann kreuzigen sie ihn und gehen zur Tagesordnung über. Sie setzen sich unter das Kreuz, an dem einer schön langsam stirbt  und würfeln um seine Kleider. Wie oft haben sie dieses Geschäft jetzt schon gemacht? Kann man`s noch zählen? Über dem Kopf von Jesus hängt ein Schild mit der Aufschrift : Das ist Jesus, der König der Juden. Das hängt da und soll Jesus verhöhnen, genau wie der mit Galle verdorbenen Wein! Und da steht die Wahrheit, die doch keiner sehen will. Dieser entstellte, entwürdigte Mensch am Kreuz ist tatsächlich der König Israels, ist vielmehr als dies, ist der EINE, der Gott ganz und gar vertraut, der als einziger von allen Gott über alle Dinge liebt und ehrt, dem nichts wichtiger ist als Gott, der ihn liebt von ganzem Herzen und mit ganzer Seele und mit all seiner Kraft! Und gerade deshalb hängt er nun dort oben, weil so viel Liebe den Lauf der Welt stört und zu viel Unruhe bringt und nach Veränderung schreit und sie auch bringt! Da macht die Welt dann kurzen Prozess! Sie entledigt sich dieses Gutmenschen, dieses Gottessohnes! Was muss er auch am Sabbat heilen?

Die Not eines Menschen kann doch auch bis zum nächsten Tag warten, denn alles muss seine Ordnung haben! Nein, die Liebe  verschiebt ihre Hilfe nicht! Dafür leidet Jesus nun.

Dann werden noch zwei gebracht, zwei, die geraubt und vielleicht auch gemordet haben. Auch sie werden ans Kreuz geschlagen. So wird ein Exempel statuiert. Alles muss seine Ordnung haben. Da seht, wer gegen die Ordnung verstößt, der ist selber schuld! Soll er hängen!

Ohne Jesus! Denkt nur, was wäre da heute bei uns?

Schaulustige sind unterwegs auf Golgata. Sie kommen, um Jesus zu verhöhnen.“ Du hast doch gesagt, du kannst den Tempel, den wir in 40 Jahren gebaut haben abbrechen und in drei Tagen wieder aufbauen. Dann hilf dir jetzt doch selber, wenn du wirklich Gottes Sohn  bist!“ Hohepriester  Schriftgelehrte und Älteste, die ganze religiöse Elite spottet so unter dem Kreuz und sagt:“ Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut, der soll ihn nun retten, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn!“

ER HAT GOTT VERTRAUT! Das ist sogar für die Feinde Jesu ganz klar zu sehen und zu spüren gewesen, dass da einer war, der Gott bedingungslos vertraut hat. Und nun? Nun zeigt sich wohl, dass er Gott recht egal ist, denn der rettet ihn nun nicht, wie man wohl sehen kann! Und da sind sie ganz sicher, Gott wird ihn auch nicht retten. Dieser Jesus wird unweigerlich sterben. Und was hat ihm dann sein ganzes Gottvertrauen genützt?

Warum reagieren diese Menschen so auf das Leiden und Sterben Jesu? Ist es so, weil sie nun denken können, dass sie im Recht damit sind, dass sie ihn zum Tode verurteilen ließen? Sind sie nur schadenfroh oder ist da noch etwas anderes dabei, etwas, was tiefer geht, etwa die eigene Erfahrung, dass Gott nicht gerettet hat, dort, wo sie es wirklich gebraucht hätte, sondern dass sie sich im Stich gelassen gefühlt haben? Und nun muss dieser Jesus, der immer und immer wieder diesen liebevollen Gott bezeugt hat und ihm vertraut hat, nun muss er erleben, dass Gott ihn hängen lässt? Er auch! Ob das ihnen Genugtuung verschafft hat? So in dem Sinne von: Das haben wir ja gleich gewusst, man muss mit diesem Leben doch ganz alleine selber fertig werden! Und das haben wir dir jetzt gezeigt, du Gottessohn!

Sogar die Räuber, die genauso da hängen wie Jesus auch, sie schmähen mit den andern!

Was da geschieht ist dies, dass Menschen ihren Ekel am Leben und ihre Geringschätzung von Leben und Menschsein ausleben, ja zelebrieren bis zur Lebenszerstörung. Es ist ein Totentanz, eine Verherrlichung des Nichts und der lebenszerstörenden Grausamkeit, eine Absage an Gott, es ist Verneinung des Glaubens und des Vertrauens.

Sie sind wie Schafe, die keinen Hirten haben, hat Jesus von den Menschen gesagt. Ja, das sind wir, wenn man uns allein lässt, oder wenn wir uns von Gott trennen, Schafe, die keinen Hirten haben. Dann zerrinnt uns das Leben unter den Händen, wie all denen unter dem Kreuz! Jesus hat gesagt: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Er hält die Gottesferne aus und gibt  das Vertrauen nicht auf, stellvertretend für uns alle!

Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?

Ausgerechnet Jesus muss das aushalten, wo doch niemand Gott näher ist als er! Gottesferne ertragen und doch zu Gott schreien! Gibt es eine andere Wahl? Verfluche Gott und stirb, sagt Hiobs Frau zu ihrem Mann, als ihn schreckliches Leiden trifft. Nein, sagt Hiob! Haben wir Gutes von Gott empfangen und sollten das Böse nicht auch annehmen? Ein gewaltiger Satz! Gottvertrauen mitten in der Gottverlassenheit!

Ob wir das durchhalten, wenn wir in höchsten Nöten sind, auf der Krebsstation oder wenn wir einen Menschen verlieren und kein Gott greift rettend ein – ob wir das aushalten werden, das wissen wir heute nicht!

Wir sehen heute nur den EINEN, der für uns aushält, was wir einmal vielleicht nicht aushalten werden. Jeder wünscht sich, dass er in der letzten oder vorletzten Not nicht allein gelassen wird von Gott. Wenn die Schmerzen zu arg werden und der Körper nicht mehr kann, ist kein Raum mehr für Gefühle. Jesus stirbt nach dem Bericht des Matthäus mit einem lauten Schrei! Nicht mit einem Gebet. Können wir das aushalten, dass er stirbt wie viele von uns und nicht in heiliger Geborgenheit?

Vielleicht ist uns das ja auch ein Trost, dass wir am Ende nicht selig gehen müssen und im absoluten, festen Glauben, sondern vielleicht auch ganz zerrissen und voller Ungewissheit über das, was uns erwartet.

Der Evangelist Matthäus endet seinen Bericht von der Kreuzigung mit einem ungeheuren Donnerschlag! Er setzt einen Kontrapunkt zur Gottverlassenheit, denn jetzt greift Gott ein!

Der Vorhang im Tempel vor dem Allerheiligsten zerreißt. Gott öffent allen Menschen einen freien Zugang zu sich.

Die Erde bebt, denn Gott kommt gewaltig. Die neue Wirklichkeit setzt ein: Der Tod ist besiegt! Verstorbene wandeln durch Jerusalem.

Was auf Golgatha geschehen ist, ist welterschütternd, weltbewegend.

Matthäus erzählt das so realistisch, dass er bereits am Karfreitag Menschen aus ihren Gräbern kommen lässt, die durch Jerusalem gehen und vielen erscheinen, noch bevor Jesus auferweckt ist, obwohl uns Paulus doch sagt, Jesus sei der Erste und Einzige, der bisher auferstanden sei. Aber auf diese ungewöhnliche Art fragt uns Matthäus, ob wir mit ihm glauben, dass der Tod Jesu das weltverändernde Ereignis schlechthin sei und stärker als alle weltbewegenden Mächte der Natur und der Geschichte und stärker auch als all das Fürchterliche, das wir möglicherweise noch vor uns haben. Glauben wir, dass wir selbst dann, wenn wir durch die Gottverlassenheit gehen müssten, doch bei Gott ankommen am Ende? Wer von uns weiß das schon? Jesus stirbt mit einem lauten Schrei. Aber er ist angekommen im Leben.

 

AMEN

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  Heidrun Moser

Heidrun Moser ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Albbruck-Görwihl.

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