Predigten

    Heidrun Moser
geschrieben von On 23. Juni 2013 In Predigten 0 Comment

Predigt zu Johannes 8, 3-11

Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott, unserem Vater und von unserem Herrn, Jesus Christus! AMEN

 

Text: Johannes 8,3-11

 

Liebe Gemeinde,

 

das ist eine heftige Szene, die sich da vor unserem inneren Auge abspielt, während wir diesen Text hören! Da wird ein Mensch an den Pranger gestellt. Was er falsch gemacht hat wird öffentlich bloß gelegt. Sein Privatestes wird nach außen gezerrt und andere sitzen über ihn zu Gericht. Wir wissen, wie schnell das oft geht: Sarazzin, dann Wulff und wer wird der Nächste sein?

 

Wie verhalten wir uns, wenn jemand an den Pranger gestellt wird?

Schreien  wir mit der Mehrheit oder denken wir selber und forschen wir selber nach der Wahrheit?

Spannend ist es, wie sich Jesus hier verhält. Wenn wir genauer hinsehen, dann merken wir, dass es den Männern, die die Frau anschleppen, nicht wirklich um diese Frau geht, gewiss nicht, und das ist auch noch scheinheilig dazu. Sondern: Sie wollen eigentlich Jesus fertig machen. Sie wollen ihn mit dem Fall „Ehebruch“ in eine Falle locken, ihn unmöglich machen und wenn es geht als Gesetzesbrecher entlarven. Und wie?

Wenn Jesus jetzt sagt: Die Frau muss nicht gesteinigt werden! , dann stellt er sich gegen das Gesetz des Mose, die Tora, und damit gegen Gottes Gesetz. Denn dort heißt es schließlich: „Wenn jemand die Ehe bricht mit der Frau seines Nächsten, so sollen beide des Todes sterben.“ (Lev 20,10) Ähnlich regelt dies auch das alte römische Recht. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass in der Praxis die Strafe auf die öffentliche Schmähung, die Verbannung oder die Zahlung einer Geldbuße beschränkt blieb. Allen Menschen gemeinsam bleibt das Bewusstsein der vernichtenden Kraft und der tiefen Verletzung, die durch den Ehebruch am betrogenen Partner geschieht. Beziehungen werden vergiftet und Vertrauen zerstört.

Jesus verharmlost die Tat der Frau nicht, aber er plädiert auch nicht für die Steinigung. Er nimmt sie weder mit Worten noch durch Gesten in Schutz. Er malt auf die Erde! So gewinnt er Zeit, denn seine Lage ist völlig aussichtslos. Wenn er jetzt nämlich für die Todesstrafe votiert, dann macht er sich gegenüber der römischen Besatzungsmacht strafbar, die allein ein Todesurteil vollstrecken darf. Jesus sitzt also zwischen allen Stühlen. Egal, was er sagt, er sitzt in der Falle. Und Jesus weiß das. Nun darf er keinen Fehler machen! Um der Frau willen nicht, denn sie ist gefährdet und um seiner selbst willen nicht, denn auch sein Ruf und Leben steht auf dem Spiel.

Jesus spürt, wie es brodelt um ihn her und wie diese Männer, die sich da um ihn versammelt haben, ihrem Opfer die Hölle bereitet haben.

Wo soll die Frau noch hin? Wer hilft ihr jetzt? Wo ist der Mann, mit dem sie die Ehe gebrochen hat und der genauso schuldig ist, wie sie selber? Wo ist ihr eigener Mann? Wird er sie wieder aufnehmen oder ist sie ab heute obdachlos? Oder spielt das gar keine Rolle mehr, weil sie ohnehin gleich gelyncht werden wird?

Jesus spürt die aufgeheizte Stimmung, fühlt die Hölle mit – und bleibt ganz cool. Er schreibt auf die Erde! Natürlich tut er das zunächst, um für sich selber Zeit zu gewinnen. Er muss nachdenken, wie diese Situation zu lösen geht. Wie kann er sie entschärfen?

Ich staune über Jesus! Wie oft war er seinen Gegnern einfach an Weisheit und Geist überlegen und hat sie mit einem einfachen Wort befriedet! Erinnert ihr euch, was er sagte, als sie ihn fragten, ob es recht sei dem Kaiser Steuern zu zahlen? Da nahm Jesus eine römische Münze und stellte ihnen die Gegenfrage. Wessen Bildnis ist auf dieser Münze? Und als sie sagten: Das Bild des Kaisers! Da antwortete Jesus ihnen: Dann gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!

Und hier? Wie stillt Jesus die Hölle, die um ihn tobt? Wie bekommt er all die Menschen, die sich zu kleinen Richtern über die Frau erhoben haben, auf den Boden zurück?

Jesus schreit sie nicht wütend an, er jagt sie nicht fort. Er stellt ihnen eine Frage, über die sie nachdenken sollen. Er gibt ihnen einen Beichtspiegel in die Hand und sagt ganz schlicht:

„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein!“

Offensichtlich trifft Jesus mit dieser Frage ins Schwarze! Einer nach dem andern verlässt den Platz. Ich denke so bei mir: Die Schriftgelehrten waren ehrliche Leute! Ob bei uns viele Menschen so ehrlich mit sich selber sind, dass sie ihre Fehler noch sehen wollen?

So wie wir in der Presse und allen öffentlichen Medien mit Menschen umgehen, die Fehler gemacht haben oder einfach Unpopuläres gesagt haben, steht nicht zu erwarten, dass wir so handeln würden wie die Schriftgelehrten und ablassen würden von unserm Opfer.

Der Zeitgeist bei uns gefällt sich sehr in der Rolle des Richters über andere. Und wir stehen täglich in der Gefahr, auch gerichtet zu werden.

Menschen können einander die Hölle bereiten, ja, gewiss! Ob es Cyber-Mobbing im Internet ist oder Mobbing am Arbeitsplatz oder auch in der Schule. Wir wissen, wie man sich fühlt, wenn man ausgeschlossen wird oder wenn hintenherum getuschelt wird. Oder wenn man irgendwo der Buhmann ist, dem die Schuld angehängt wird, manchmal in der eigenen Familie. Tragödien spielen sich oft hinter den schönsten Fassaden ab. Und dann hängen Menschen in Zwängen fest, die sie kaum mehr abschütteln können.

Schaut mal her, die Schriftgelehrten hängen in dem Zwang fest, dass sie unbedingt wollen, dass Gottes Gesetz von allen buchstabengetreu eingehalten wird. Das ist eigentlich richtig, dass wir Menschen die 10 Gebote halten, aber wenn wir die Liebe dabei verlieren, dann halten wir sie selber auch nicht mehr! Und das sagt Jesus ihnen: Man kann das ganze Gesetz Gottes halten, mit zusammengebissenen Zähnen und unter Zwang. Aber dabei wird man Gott los, man wird sozusagen gottlos, wenn die Liebe fehlt!

Die Kläger denken nicht an den Ruf der Frau, als sie sie in den Tempel zerren und öffentlich richten wollen.

Und in unseren Familien, da gibt es oft festgelegte Rollen, die einer spielen muss, obwohl er sie gar nicht spielen will und vielleicht auch gar nicht spielen kann. Und manchmal muss man sich selber fragen: Wem gebe ich warum eigentlich Macht über mich? Wem gebe ich das Recht, über mich zu urteilen? Wessen Urteil lasse ich mir überhaupt gefallen. Wessen Urteil über mich muss ich mir gefallen lassen? Eigentlich nur das Urteil Gottes, sonst keines. Und wenn ich gegen das Gesetz verstoße, dann natürlich das Urteil des Richters.

Die Menschen, die dort im Tempel mit der Ehebrecherin zu Jesus kommen, befinden sich in einer Höllenlage, Schieflage des Lebens generell.

Jesus überblickt die Lage nach reiflicher Überlegung und geht daran, die Hölle aufzuschließen, damit sie alle wieder hinauskönnen in die Freiheit.

Und er tut es mit nur einem Satz. Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein! In dem Moment hört man die vielleicht schon aufgehobenen Steine fallen, vielleicht auch Steine von den Herzen fallen!

Wir müssen nicht mehr urteilen! Ein anderer hat es getan und nach seinem Urteil sind wir alle schuldig. Das ist eine großartige Erkenntnis, und sie kann sich gar nicht einstellen ohne Gottes Heiligen Geist.

Was wäre geschehen, wenn die Schriftgelehrten diese Erkenntnis  nicht gehabt hätten? Ich staune über diese Männer, die doch irgendwie demütig werden und zu ihrer eigenen Schuldhaftigkeit stehen. Bringen wir das fertig, wenn wir uns so richtig mächtig über jemanden ereifern, der in unseren Augen auf dem Holzweg ist?

Ich staune auch über Jesus, wie er mit diesen Männern umzugehen weiß! Seht ihr die Liebe Jesu, die er ihnen schenkt, indem er sie durch seine Frage aus ihrer scheinheiligen Entrüstung über die Frau rettet? Gleichzeitig macht er ihnen klar, dass es ihnen gar nicht um Gottes Gesetz ging, sondern darum, ihn, Jesus, zu verderben! Und Jesus bringt sie sanft wieder zu sich selbst, gibt zu erkennen, dass er sie durchschaut und macht ihnen einen ehrenhaften Rückzug möglich, indem er wieder in den Sand schreibt. Er schaut ihnen nicht ins Gesicht. Sie können ganz für sich und unbehelligt den Ort des Geschehens verlassen. Und das tun sie nun auch, einer nach dem andern. Das ist für mich ein so großes Wunder, als hätte Jesus einen Toten auferweckt!

Befreiung ist geschehen. Die Hölle steht offen für die Ehebrecherin und ihre Ankläger. Wut ist verraucht, Mordlust besänftigt, negative, böse Energie entladen. Menschen können neu beginnen. Stellt Euch mal vor, ein Polizist würde es schaffen, einen jugendlichen Gewalttäter, der gerade einen Menschen mit Schuhen ins Gesicht und in den Leib tritt mit einem Satz zu stoppen! Was  müsste der sagen? Können menschliche Worte die Hölle beenden?

Müsste man ihn fragen, wer hat dich denn einmal so getreten in deinem Leben? Würde er innehalten in seinem Gewaltausbruch?

Jesus jedenfalls lenkte die Aufmerksamkeit der Anklagenden auf sie selbst zurück! Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein! In dem Moment konnten sie sich selbst nicht mehr ausweichen. Es ereignet sich Selbsterkenntnis. Sie stehen plötzlich persönlich vor Gott. Das letzte Urteil über einen Menschen steht allein Gott zu, wenn die Schuld beim Namen genannt und festgestellt ist. Und Gott ist erstaunlich barmherzig.

Jesus lässt die Ehebrecherin gehen mit der Mahnung: Sündige ab jetzt nicht mehr! Ich frage mich, ob sie das geschafft hat! Ob das überhaupt ein Mensch fertig bringt, ab einem bestimmten Zeitpunkt in seinem Leben, nicht mehr zu sündigen! Vielleicht wird diese Frau nicht mehr die Ehe brechen, aber sie wird kaum alles richtig und Gott entsprechend tun in ihrem weiteren Leben. Welcher Mensch kann ohne Schuld durchs Leben kommen? In klaren Momenten erkennen wir, dass selbst unsere Beweggründe, aus denen heraus wir etwas Gutes tun, oft auch nicht für den andern gedacht sind, sondern wieder für uns selbst. Ich glaube, dass wir uns selbst nicht einmal ganz durchschauen können. Das kann nur Gott allein. Und eins ist sicher: Wir sind auf seine Barmherzigkeit angewiesen, jeden Tag wieder. Kurt Marti, der berühmte Dichter und Pfarrer hat einmal gesagt: Gott ist in Jesus Mensch geworden, damit wir unterscheiden lernen zwischen Mensch-Sein und Un-Mensch-Sein. Jesus ist ganz menschlich umgegangen, selbst mit den Unmenschen. Ich glaube auch, dass unsere Welt viel unmenschlicher wäre, wenn er nicht als Mensch aus Fleisch und Blut auf diesem Planeten gelebt hätte. Er hat uns Wege aus der Unmenschlichkeit gezeigt. Er hat menschliche Höllen aufgeschlossen und die darin Gefangenen befreit. Das tut er bis heute. Immer, wenn wir taufen, dann schließt Jesus einem Menschen den Weg ins Paradies auf und schließt hinter ihm die Höllentür zu. Und über dem Getauften steht Jesu Versprechen: Du bist mein und keine Hölle soll Herr über dich werden.

Und wenn wir das Heilige Abendmahl feiern, dann nimmt Jesus jedes Mal wieder den Platz in unserem Herzen ein und vertreibt die Höllengeister, denn wir gehören zu ihm und in sein Reich. Es bleibt  nicht aus, dass er uns ab und zu Kopf und Herz reinigen muss, damit wir den menschlichen Weg gehen können im Leben, den Christusweg. Dann möge er selber geben, dass wir auf ihn vertrauen, dass er uns die Schuld abgenommen hat und bereit sind, ganz für ihn und aus seiner Liebe zu leben.

 

AMEN

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  Heidrun Moser

Heidrun Moser ist Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Albbruck-Görwihl.

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